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CLAYTON PATTERSON: DER CHRONIST DER LOWER EAST SIDE

Die Lower East Side ist das Einwandererviertel New Yorks. Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhundert war dieser Teil Manhattans die Heimat von irischen, italienischen und osteuropäischen, später dann von asiatischen und puertorikanischen Einwanderern, die jeweils ihre Spuren hinterliessen.

Von Julian Voloj

Published in: tachles Nr. 18, Das jüdische Wochenmagazin, Zürich, am 3. Mai 2013
Clayton Pattersonmit seiner dreibändigen Anthologie
Clayton Patterson: Der Chronist mit seiner dreibändigen Anthologie | Foto: Julian Voloj

Es ist passend, dass ein Einwanderer die Geschichte eines Stadtteils dokumentiert. Clayton Patterson kam 1979 aus Kanada nach New York, wo er sich schon bald einen Namen als Künstler machte. Seine bestickten Baseballmützen werden von Filmstars wie Matt Dillon getragen, für Mick Jagger kreierte er eine Jacke. Doch Pattersons Porfolio ist vielschichtig. Er ist als Fotograf, Dokumentarfilmer, politischer Aktivist und vor allem als Lokalhistoriker bekannt.
In seinem Loft auf der Essex Street, ursprünglich eine Nähfabrik, finden sich neben seinem Archiv mit Hunderttausenden von Fotos und Hunderten von Stunden Film alle mögliche Andenken aus der Lower East Side, von Gangjacken bis hin zu leeren Herointüten, Aufklebern und von Obdachlosen erstellten Skizzen – niemand hat die Geschichte der Lower East Side seit den 1980er-Jahren detaillierter dokumentiert als Clayton Patterson.

Dreibändige Anthologie: Und nun kommt noch eine Geschichte der jüdischen Lower East Side hinzu. Unter dem Titel «Jews – A People’s History of the Lower East Side» hat Patterson eine neue dreibändige Anthologie herausgebracht. «Es geht mir darum, die Geschichte aus der Perspektive der einfachen Leute zu erzählen», erklärt der 64-jährige Vorsitzende der Gesellschaft New Yorker Tätowierkünstler, der mit seinem langen Bart an einen biblischen Patriarchen erinnert. «Es ist ein Buch über ganz normale Menschen, geschrieben von ganz normalen Menschen.»
Fast 200 Autoren hat die über 1200 Seiten umfassende Dokumentation, die der «Forward» das «ehrgeizigste Projekt, das jemals initiiert wurde, die Geschichte der jüdischen Lower East Side zu erzählen» nennt.
Zwischen 1880 und 1914 kamen fast zwei Millionen jüdische Einwanderer aus allen Teilen Osteuropas nach New York, und die überwiegende Mehrheit liess sich zunächst in der Lower East Side nieder. Etwa drei Viertel aller amerikanischen Juden haben Wurzeln in der Lower East Side. «Vor der Staatsgründung Israels war die Lower East Side wahrscheinlich der Ort, der die meisten jüdischen Flüchtlinge aus aller Welt aufnahm», vermutet Patterson. «Das Land, wo Milch und Honig fliesst, das war hier.»
Und so finden sich in der Anthologie auch einige Beiträge aus der Zeit der Massenzuwanderung wie etwa die Geschichte des «Forward»-Gebäudes, das sich mit einem jüdischen Banker im Wettkampf um das höchste Gebäude des Viertels befand. Am Ende siegte die jiddische sozialistische Tageszeitung gegenüber der Jarmulowsky-Bank, dem «ultimativen Symbol des Kapitalismus». Die Bank ging während der Weltwirtschaftskrise bankrott.
«Nach 1940 ist die Geschichte der Lower East Side jedoch kaum noch dokumentiert», weiss Patterson, und daher machte er sich auf, diese Wissenslücke zu füllen. Auf seiner Suche nach Autoren ging Patterson, der nicht jüdisch ist, sprichwörtlich von Tür zu Tür. «Ich lebe seit über 30 Jahren in der Lower East Side. In meinem Bekanntenkreis sind Hunderte von Juden, und manche gehören zu meinem engeren Freundeskreis. Autoren zu finden war daher kein Problem.»
Patterson initiierte das Buchprojekt 2005, und da «fast jeder jemand anderen fand, der ebenfalls eine Geschichte hatte, die erzählt werden musste, dauerte es lediglich zwei Jahre, das Buch zu schreiben.»

Die Vergangenheit hinter sich lassen: Das ehrgeizige Projekt fand keine Unterstützung von Seiten der organisierten jüdischen Gemeinde, auch wenn einige Autoren Institutionen wie Lower East Side Jewish Conservancy angehören. «Doch seien wir ehrlich, diejenigen, die es geschafft haben, sind hier weggezogen, und diejenigen, die hier geblieben sind, sind hier, weil sie es nicht anderswohin geschafft haben.» Patterson bedauert daher die «Nach-uns-die- Sintflut-Mentalität», die er für sehr amerikanisch hält. «Die Milliardäre mit Wurzeln in der Lower East Side wollen die Vergangenheit hinter sich lassen.»
Als Patterson nach New York kam, befand sich die Stadt vor dem Bankrott. Viele Stadtteile, darunter die Lower East Side, sahen so aus als sei gerade ein Krieg zu Ende gegangen. «Vor allem die Gegend um die Bowery war Niemandsland.» Es war aber auch die Zeit, als «die Enkel der Lower- East-Side-Juden aus den Vororten nach New York zurückkamen und versuchten, es hier zu etwas zu bringen.»
Zu diesen Rückkehrern gehörten unter anderem Hilly Kristal, der Gründer des legendären Punk-Rock-Clubs CBGB, der Komponist Philip Glass oder der als Lewis Allen geborene Sänger Lou Reed. «Man kam hierher, weil es billig war. Niedrige Mieten und Lebenskosten machten New York überhaupt erst möglich. Jackson Pollock, Madonna oder Jimi Hendrix könnten es sich heute gar nicht mehr leisten, hier zu leben und kreativ zu sein. Wenn Du 3000 Dollar Miete im Monat zahlen musst, hast du als Künstler überhaupt keine Zeit, dich zu entwickeln», bedauert Patterson die Entwicklung des Immobilienmarktes.
Diese Entwicklung war es auch, die zu seiner ersten Zusammenarbeit mit der jüdischen Gemeinde der Lower East Side führte. Patterson hatte sich 1988 einen Namen gemacht, als er mit seiner Videokamera die Ausschreitungen, und vor allem die brutale Vorgehensweise der Polizei am Tompkins Square Park dokumentierte. Als Mitte der neunziger Jahre die 8th Street Shul von Immibilienhaien unter Druck gesetzt wurde, das Gebäude zu räumen, wandte man sich an Patterson um Hilfe. «Als ich die Synagoge das erste Mal betrat, wusste ich sofort, dass es ein spiritueller Ort ist», erinnert sich Patterson. Die Gemeinde hatte damals nur noch wenige Mitglieder und das Gebäude war baufällig. Trotzdem wollte man nicht verkaufen und mit Pattersons Hilfe wurden eine Reihe von Veranstaltungen organisiert und vor allem Medieninteresse an dem Überlebenskampf der kleinen Gemeinde entwickelt. «Wir versuchten alles, um die kleine Gemeinde am Leben zu halten. » Patterson wurde aus Dankbarkeit sogar in den Vorstand der orthodoxen Gemeinde gewählt, und das als Nichtjude. Am Ende half alles nichts. Am 29. September 2000 eskortierte die Polizei Rabbiner Isaac Fried aus dem Gebäude, kurz darauf wurde das Gotteshaus in eine Luxuswohnung umgebaut.

Mannigfaltiges jüdisches Leben: «Das Buch handelt daher auch von der Zerstörung der Lower East Side. Es erzählt erzählt, was war und so nie wieder kommt.» Das Ende der 8th Street Shul, und ein paar Jahre später der Einsturz des Daches der rumänisch-amerikanischen Synagoge, einst eines der bedeutendsten Gotteshäuser der Gegend, dessen Mitglieder vergeblich versucht hatten, das Gebäude unter Denkmalschutz zu stellen, markieren für Patterson ein symbolisches Ende einer Ära. «Der amerikanische Traum existiert schon lange nicht mehr.»
Im November 2011 entschied sich Patterson, das Geld für das Buch selbst zu finden. Über die Website Kickstarter sammelte der Künstler von lediglich 72 Spendern über 15 000 Dollar.
Die dreibändige Anthologie ist nun gedruckt und soll in den Verkauf gehen. «Es ist die grösste Sammlung jüdischer Geschichten der Lower East Side», betont Patterson, die Geschichte wird in Erinnerungen, Interviews, Gedichten, Musiknoten und kurzen Theaterstücken erzählt. Porträts von Hausbesetzern finden sich neben einer Geschichte über jüdische Boxer, jiddische Theatergrössen neben Punkrockern, historische Synagogen neben Restaurants und Bäckereien. Viele Aspekte des jüdischen Lebens in der Lower East Side werden hier abgedeckt.
«Die jüdische Gemeinschaft war und ist sehr mannigfaltig», weiss Patterson. Die beiden Juden der Lower East Side, die ihn am meisten beeinflussten, spiegeln diese Realität wider. «Rabbiner Lionel Ziprin, der ein begnadeter Dichter war, machte mich mit der mystischen Seite des orthodoxen Judentums bekannt. Der Künstler Boris Lurie, der leider nie die Beachtung erhielt, die er verdiente, machte mich mit der dunklen Seite der Menschheit, dem Horror des Holocaust, bekannt. Und ich bin froh, dass ich beide zu meinen Freunden zählen konnte.»
Diese, und viele andere kaum Bekannte Persönlichkeiten der Lower East Side bekommen nun die Würdigung, die sie schon lange verdient haben.

ÜBER JULIAN VOLOJ: Geboren am 6. März 1974 in Münster; sein Großvater mütterlicherseits stammte aus einer alteingesessenen Münsteraner Familie; er kehrte 1958 nach über 20 Jahren im kolumbianischen Exil zusammen mit seiner Familie nach Münster zurück. Studium in Münster (Literatur) und Brüssel (Politik). Herausgeber der Literaturzeitschrift Bunte 13 und des jüdischen Magazins Zeitgeist, Kulturreferent des AStA der Universität Münster, 2. Vorsitzender des Bundesverbandes jüdischer Studenten in Deutschland (1999-2000), aktiv in der European Union of Jewish Students (Vorstandsmitglied 1999-2001, Vorsitzender 2001-2003), Delegierter des Forum 2000 (1999), Fotograf des Jugendkongresses der Expo 2000 (2000). Seit 2003 lebt Voloj in New York, wo er u.a. als Fotograf (New York Post), für das Forschungszentrum des Museum of Jewish Heritage und den Legacy Heritage Fund arbeitet. | Quelle: http://www.juedischeliteraturwestfalen.de/index.php?valex=101&vArticle=1&author_id=00000460&id=1

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