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CAPTURED — EIN FILM ÜBER GENTRIFIZIERUNG

Blog von Thomas

in: Hauptstadt-Blog, Kultur am 9. Januar, Berlin 2009

Captured Movie FilmplakatIn wenigen anderen Städten ist der soziale Veränderungsprozess in den Stadtteilen so spürbar wie in Berlin, weil er hier in so kurzer Zeit vor sich geht. Prenzlauer Berg: vom DDR-Punk-Viertel zum Studenten- und Künstlerviertel zum Yuppie- und Familienviertel in knapp 20 Jahren. Veränderungen in Mitte, Friedrichshain und in Kreuzberg. Die gesellschaftliche Zusammensetzung der Quartiere ändert sich nahezu täglich, mehr als in allen anderen Städten Deutschlands, höchstens vergleichbar mit New York in den 90ern. über die Entwicklung des Big Apple wurde gerade ein Film vorgestellt, der exemplarisch für Gentrifizierung allgemein gesehen werden kann.

Gentrifizierung: Raum und Freiheit und günstige Mieten ermöglichen zunächst alternative Lebensentwürfe, Künstler- und Unternehmerkarrieren. Die Ansprüche der erfolgreichen Bewohner steigen, Plätze und Wohnungen werden renoviert, Kinder kommen hinzu. All dies, und der Zuzug von weniger experimentierfreudigen, aber an der individuellen Umgebung interessierten Neubewohner verteuern die Mieten und machen das Leben für die weniger Erfolgreichen des Viertels schwierig. Die bisher homogene Gruppe, zusammengehalten durch das Interesse an Raum und Freiheit, bricht auf, weil sich die Prioritäten verändern. Die Toleranz gegenüber Lärm, Schmutz, Drogen, abweichender Ästhetik schwindet. Ein Prozess, der aus sich selbst geschieht, und der ironischerweise von denen am meisten kritisiert wird, die ihn am heftigsten vorantreiben.

Eine andere Stadt, die diesen Prozess eher in den 80er und 90ern durchlebt hat, ist New York, konzentriert auf den Stadtteil Manhattan. Heute sind die ehemals alternativen Ecken der dicht besiedelten Halbinsel kaum wieder zu erkennen: In Soho, im East Village, im Meatpacking District und vor allen Dingen die Lower East Side fand die Gentrifizierung statt, befürdert von der Politik, namentlich dem Ex-Bürgermeister Giuliani.

Zu sehen ist dieser Prozess in dem faszinierenden Dokumentarfilm “Captured”, der gerade auf dem “Unknown Pleasures” Filmfestival des Kino Babylon vorgestellt wurde. Der Film von Ben Solomon, Dan Levin, Jenner Furst und Mark Levin bezieht den Großteil seiner Aufnahmen aus dem riesigen Archiv des Künstlers und Videofilmers Clayton Patterson, der seit den frühen 80ern die Szene der Lower Eastside festhielt: die Kunst-, die Hardcore-, die Drag Queen-, die Hausbesetzer-, die Drogenszene. Heute befindet sich Pattersons kleine Galerie inmitten von vielgeschossigen Apartmenthäusern, deren Wohnungen noch vor kurzem für Millionen Dollar verkauft wurden. Angereichert mit Interviews von Protagonisten, u.a. dem damaligen Bürgermeister, Musikern und Künstlern, die ihre eigenen Erinnerungen zu Pattersons Aufnahmen beisteuern, ist “Captured” nicht nur ein spannender Film über diese kreative und aufregende Zeit in New York, sondern auch ein Beitrag zur Diskussion über das Für und Wider der Gentrifizierung.

Patterson selbst erinnert sich: “Wir dachten, wenn wir die Drogen aus dem Viertel verbannen, wird alles gut werden. Aber irgendwie ist die Veränderung über das Ziel hinausgeschossen. Jetzt haben wir auch keine kleinen Galerien, Clubs, besetzte Häuser, billige Mieten mehr. Und damit ist auch die Kreativität verschwunden. Lou Reed verbrachte Jahre seines Lebens damit, Lou Reed zu werden, mit seiner Sexualität und Drogen zu experimentieren, Dinge auszuprobieren. Jetzt ist er ein weltbekannter, reicher Künstler. Heute hat keiner mehr diese Zeit der Experimente in Manhattan. Entweder du bist Lou Reed in einem Jahr oder komplett pleite.”

©  http://patterson.no-art.info/reviews/2009-01-09_thomas.html